BOOBS: object vs. subject

VERNISSAGE

Do, 1. Oktober 2026 (Weltbrustkrebstag)

19:00 – 22:00 Uhr

Anlässlich des Weltbrustkrebstags am 1. Oktober thematisiert die Ausstellung BOOBS: object vs. subject den gesellschaftlichen Blick auf die weibliche Brust. Die Werke werfen einen kritischen Blick auf die Objektivierung der Frau, die durch patriarchale Strukturen des männlichen Blicks – den „male gaze“ – stark geprägt ist. Das Bild und die Wahrnehmung der weiblichen Brust werden somit in einer Gegenüberstellung von Objektivierung und autonomem Subjekt thematisiert.

In der Kunst- und Bildgeschichte wird die weibliche Brust meist aus dem männlichen Blick betrachtet, interpretiert und inszeniert und nach männlichen Schönheitsvorstellungen der Frau dargestellt. Im Zusammenhang mit ihrer nackten Brust wird die Frau meistens entweder in der Rolle der Mutter oder in ihrer Weiblichkeit schambehaftet in Szene gesetzt. In der Kunstwelt wird deutlich, dass die Art und Weise der Darstellung der weiblichen Brust und die Frage, wer sie dargestellt, immer noch auf patriarchale Gesellschaftsstrukturen zurückzuführen sind. Da Frauen von klein auf anerzogen wird, dass ihre Körper dazu da sind, betrachtet, bewertet und begehrt zu werden, haben sich die Brüste insbesondere zu einem der am stärksten sexualisierten und objektivierten Teile des weiblichen Körpers entwickelt. Die Werke der Ausstellerinnen kritisieren den „male gaze“ und zeigen den weiblichen Blick auf die weibliche Brust.

In diesem Zusammenhang setzt sich die multimediale Künstlerin Annique Delphine (*1979) auf satirische Weise mit dem „male gaze” auseinander, indem sie ihn zum Ausgangspunkt nimmt und umkehrt. In ihrer Serie untersucht sie durch Wiederholung, Übersteigerung und eine bewusst konstruierte Bildsprache auf spielerische Weise, wie Frauenkörper fragmentiert, idealisiert und als Objekt des Begehrens inszeniert werden. Ihre Arbeit spiegelt eine Kultur wider, in der der weibliche Körper ständig zur Schau gestellt und konsumiert wird – und dazu dient, alles Mögliche zu verkaufen, von Schönheitsprodukten bis hin zu Autos. Mit der Zeit können sich diese Bilder verinnerlichen und die Wahrnehmung und Beurteilung des eigenen Körpers durch Frauen prägen.

Indem Annique Delphine in ihrer Fotoserie die Brust isoliert und in einen neuen Kontext setzt, hinterfragt sie die Vorstellung, der weibliche Körper existiere vor allem, um betrachtet zu werden. Ein wiederkehrendes Motiv in ihren Arbeiten sind Silikonbälle in Form einer weiblichen Brust, die zum Stressabbau konzipiert wurden. Die Künstlerin setzt sie auf ironische Weise in ihr fotografisches Werk um und wird teilweise selbst zur Akteurin in ihrem Werk. Neben den Bildern greift sie auf weiblich konnotierte Objekte wie Reinigungsmittel oder Lebensmittelflaschen zurück, die sie zu einem Pilzstil umwandelt und denen sie eine pinke Brust als Hut aufsetzt. Der Fliegenpilz gilt einerseits als Glücksbringer, andererseits als gefährlicher Giftpilz. In der Werkreihe „Mushroom Sculptures“ wird er zu einem ironischen, feminin gelesenen Objekt, von dem jedes ein Unikat ist. In Annique Delphines Werken wandelt sich das Bild der weiblichen Brust als begehrtes Objekt hin zu etwas Absurderem, Aufschlussreicherem und Selbstreflexiverem.

In der Ausstellung sind darüber hinaus die Kollaborationsarbeiten von Annique Delphine und Tania Luz Olivares Achach zu sehen. Die 1992 in Mexiko-Stadt geborene Tania Luz Olivares Achach lebt und arbeitet als Kuratorin in Berlin und ist zudem die Gründerin von neithernor.eu. In ihrer kuratorischen Arbeit konzentriert sie sich auf Praktiken, die sich mittels Fotografie, Performance und Installation mit Kultur- und Identitätspolitik auseinandersetzen. Dabei gilt ihr besonderes Interesse alternativen Ausstellungsformaten, von Künstler:innen initiierten Räumen sowie den gesellschaftlichen Bedingungen, die mit der Präsentation und Zirkulation von Kunst verbunden sind. Im Rahmen ihres kuratorischen Projekts neither nor entstehen Ausstellung und Objekt im gegenseitigen Dialog: Die ausgestellten Werke beeinflussen die Objekte und umgekehrt. In Zusammenarbeit mit Annique Delphine entstanden die auf Anniques neuester Fotoserie „The Witch in the Woods“ basierenden Objekte „Boob Tiles“ (Fliesen mit Brustmotiv), „Boob Candles“ (Kerzen in Brustform) sowie Spiegel mit entsprechenden Fliesenapplikationen, deren Motive auf die als Stressbälle dienenden Silikonbrüste zurückzuführen sind. Mit diesem Symbol thematisiert sie die banale Art und Weise, wie Frauen nach wie vor objektiviert und zu einer Art Währung verkommen, deren Wert sich nach Jugend, Sexualität, Fruchtbarkeit und Gefälligkeit richtet. Die Fliesen, Kerzen und Spiegel dienen als sanfte Erinnerung an die Objektivierung des weiblichen Körpers und deren Auswirkungen auf den Alltag von Frauen.

In den Objektarbeiten „Boobs Tableaus“ der Modedesignerin, Kunsthistorikerin und Gründerin der GALLERY MALINA, Malina Sebastian (* 1989), wird der weibliche Blick auf die weibliche Brust thematisiert. Die Darstellung der weiblichen Brust auf einem Tablett geht auf die Legende der Agathe von Catania (um 225–251) zurück. Die Jungfrau, die ihr Leben Gott geweiht hatte, lehnte den Heiratsantrag des heidnischen römischen Statthalters von Sizilien, Quintinianus, ab. Daraufhin ließ er ihr die Brüste abschneiden und folterte sie weiter, bis sie schließlich starb. Durch diese patriarchalen Strukturen wurde Agatha ihrer Weiblichkeit beraubt, um ihren Körper und ihren Willen zu beherrschen und zu brechen.

Die „Boobs Tableaus“ stehen als Wachsobjekte für die Selbstermächtigung der weiblichen Brust. Zum einen stellen die Wachsobjekte keine natürliche Brust, sondern eine perfekt geformte Halbkugel dar. Diese ist jeder natürlichen Brust enthoben und wird als universelle Interpretation gesehen. Das Tablett wird ebenfalls zweckentfremdet, da es nicht zum Tragen und Servieren gedacht ist, sondern als unantastbares Objekt an der Wand fixiert ist. Das Tablett fungiert nun als Leinwand, auf der die Wachsbrust die BetrachterInnen auf Augenhöhe direkt „anschaut“. Dadurch kann sie auch als Linse assoziiert werden. Die Tabletts verfolgen alle ein Recyclingkonzept, da sie aus zweiter Hand sind und zum Teil mit Blattgold versehen sind, um den Charakter des Gebrauchten mit dem des Hochwertigen zu verbinden. Des Weiteren spielen die „Boobs Tableaus“ mit dem Blickwechsel: Die Wachsbrust ist auf einer Spiegelfläche platziert, sodass die Brust die BesucherInnen nicht nur anschaut, sondern die BesucherInnen sich beim Betrachten der Brust ebenfalls erkennen. Die weibliche Brust der „Boobs Tableaus“ emanzipiert sich somit von ihrer Objektivierung und entwickelt sich zu einem eigenständigen Subjekt.

Mit der Ausstellung sollen einerseits die Selbstermächtigung, Selbstbestimmung, Gleichberechtigung und Förderung von Frauen und Mädchen gestärkt werden. Andererseits möchten alle Teilnehmerinnen die Spendenkampagne für das Projekt „Herzkissen – Gemeinsam gegen Krebs“ unterstützen.

Die Idee für die Herzkissen-Gruppe entstand im Jahr 2011 im Rahmen eines Mädchentreffs, den die Jugendpflegerin Alexandra Weber betreute. Dadurch wurde die Aktion „Herzkissen“ ins Leben gerufen. Das zertifizierte Brustzentrum Koblenz Kemperhof war die erste Einrichtung, die die handgefertigten Stoffherzen annahm, und seitdem wächst der Helferkreis stetig.

2023 gründeten die Freundinnen und gleichberechtigten Gesellschafterinnen Alexandra Weber (Geschäftsführerin), Diana Retterath, Karin Dany-Lenz und Simone Batta schließlich die gemeinnützige Unternehmergesellschaft „Herzkissen – Gemeinsam gegen Krebs“. Die Herzkissen werden von ehrenamtlichen Nähgruppen aus gespendeten Stoffen hergestellt. Das Herzkissen hilft Brustkrebsbetroffenen nach der Brust-OP. Wenn es locker unter den Arm gelegt wird, drückt es auf die OP-Narbe, regt die Lymphe an und gibt der Drainage Halt. Dadurch werden auch Schulter und Nacken entlastet und bei Bewegung und im Schlaf Sicherheit gegeben. Darüber hinaus hilft das Herzkissen nicht nur körperlich: Es wird an Brustkrebserkrankte verschenkt – als Zeichen der Solidarität. Niemand soll sich in dieser schweren Zeit alleine fühlen – und was gibt es Schöneres, als ein Herz zu verschenken? Die Herzkissen werden nach dem Original-Schnittmuster von der dänischen Krankenschwester Nancy Friis-Jensen angefertigt, die die Idee 2006 mit nach Europa gebracht hat. Größe, Füllung, Dichte und Gewicht sind genau darauf ausgelegt, die operierte Brust bei der Heilung zu unterstützen. Jede Abweichung kann zu Komplikationen führen oder gar keinen Effekt erzielen. Die Initiative „Herzkissen – Gemeinsam gegen Krebs” wurde Ende 2011 lizenziert und ist inzwischen eine der wenigen Gruppen, die das Original herstellen. Die Stoffe sind Öko-Tex-zertifiziert, denn den Gründerinnen liegt die Bioqualität sehr am Herzen. Ebenso sind die Qualitätsstandards bewusst sehr hoch angesetzt, um einwandfreie, handwerklich saubere und hochwertige Kissen verschenken zu können – als Zeichen der Wertschätzung gegenüber den Betroffenen. Damit die Patientin eine sichtbare Verbindung zu einer ihr lieben Person hat, wird zu jedem großen Herzkissen ein kleines Partnerherzchen aus dem gleichen Stoff genäht. Diese kleinen Herzen heißen „Rebecca“ – nach der Ehrenamtlichen, die den Schnitt entworfen hat.

Die Ausstellung BOOBS: object vs. subject dekonstruiert den gesellschaftlichen Blick auf die weibliche Brust. Sie wendet sich von perfekten weiblichen Idealen ab und verweist auf ein stärkeres Bewusstsein für Akzeptanz, Vielfalt, Individualität, Authentizität und Normalität.

Finissage Do, 15. Oktober 2026 von 19:00 – 22:00 Uhr

Austellungszeitraum 2. – 17. Oktober 2026

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